Kritisches zum Thema "Schule":


10 Wahrnehmungen aus dem Schulbereich und einige Fragen

Eine kurze Aufzählung einzelner Beobachtungen aus dem Bereich Pädagogik zeigt, wie es um die „Bildungslandschaft Deutschland“ bestellt ist:

Beobachtbar ist, dass:  beispielsweise Schüler der 6. Klassen mit oftmals nur 4 Unterrichtsstunden pro Tag oder auch Schüler der 10. Klassen mit teilweise 5 Unterrichtsstunden pro Tag unterfordert sind.

(Bei dieser Quantität wundert’s nicht, wenn Stoffinhalte gekürzt oder gar nicht mehr unterrichtet werden. Angesichts solcher Engpässe dann im Fach „Welt- und Umweltkunde“ der Klasse 6 dem „Römischen Reich“ 4 Wochen zu widmen, aber 6 Wochen über die „Eskimos“ zu reden, zeugt von wenig Bemühungen, sich in der verbleibenden Zeit um Wesentliches zu kümmern.)

Beobachtbar ist, dass: die Schüler mit häufig völlig untauglichem Lehrmaterial überfordert werden.

(sachlich falsche Arbeitsblätter, „Aufgabenstellungen“ ohne eigentliche Aufgabe bzw. Frage – nein, nein, hierbei ging es nicht darum, das Herausarbeiten  und Formulieren von Problemstellungen zu erlernen – , ungeeignete Sach-Methodiken usw.) 

Beobachtbar ist, dass: Lehrer sich offenbar wie Dozenten verhalten, da sie sich ausschließlich auf ihren Bildungsauftrag konzentrieren und einen Erziehungsauftrag  nicht oder nur nachlässig wahrnehmen.

(Fachlehrer haben es nicht nötig, in Schüler-Aufzeichnungen noch auf Rechtschreibung oder Form zu achten, viele Lehrer erscheinen häufig zu spät zu den Unterrichtsstunden, die Vorbildwirkung hat keine zentrale Bedeutung.)

Beobachtbar ist, dass: viele Eltern meinen, Bildung generell auf die Schule abwälzen zu können.

(Hausaufgaben nur auf Vollständigkeit zu kontrollieren, ist nicht genug: Wenn das zur Erledigung notwendige Wissen nur lückenhaft vorhanden sein sollte, dann kann man solche Lücken durch Erläuterungen und Hilfestellungen auch zuhause mithelfen zu schließen.)

Beobachtbar ist, dass: einerseits die Probleme der Kinder von den Lehrern nicht für voll genommen und wegdiskutiert werden, weil man selbst über Antworten, die man der nächsten Generation schuldig wäre, nicht verfügt und andererseits aus einem falsch verstandenen Freiheits-Begriff heraus meint, unsinnige Diskussionen zulassen zu müssen.

(Wenn  – trotz gegenteilig lautender Richtlinien der Schulleitung – der Klassenlehrer einem guten Schüler mitten im Schuljahr 1 Woche für eine Urlaubsfahrt frei gibt, andere Schüler aber den letzten Tag vor den Ferien natürlich nicht frei nehmen dürfen, dann haben die Jugendlichen ein Problem mit dem Begriff der Gerechtigkeit. Wenn Lehrer zulassen, mit den Schülern über ihre Bewertungsrichtlinien - von beispielsweise Klassenarbeiten - zu diskutieren, dann wird der Bock zum Gärtner gemacht. Hier entstehen erneut Ungerechtigkeiten, weil jetzt eine Bewertung vom Durchsetzungsvermögen in einer solchen Debatte abhängt. Andererseits sind schon solche Bewertungsmaßstäbe an’s Tageslicht gekommen, dass man sich fragt, ob dabei überhaupt nachgedacht worden ist, diskutierende Jugendliche also zurecht um die Vernunft ihrer Lehrer kämpfen.)

Beobachtbar ist, dass: bei allem Verständnis für einen gewissen Gestaltungsspielraum für den Lehrer, pädagogische und methodisch-didaktische Grundkonzepte völlig fehlen. Jeder Lehrer kocht sein eigenes „Süppchen“, fach-übergreifende Synergien existieren nicht. 

(Die Frage: „In welcher Klassenstufe wird wann in welchem Fach was unterrichtet?“, beantwortet jeder Lehrer für sich. Damit ist das Chaos vorprogrammiert: Da werden in Physik Maßeinheiten umgerechnet, ohne dass aus der Mathematik Dezimalbrüche bekannt wären. Da werden in Welt - u. Umweltkunde die Aggregatszustandsänderungen „kondensieren“ und „verdampfen“  im Wasserkreislauf  behandelt, ohne dass die Physik vorher den Begriff „Aggregatzustand“ überhaupt eingeführt hätte. Da werden Temperaturdifferenzen in °C angegeben, statt in "grd". Da kommen in Chemie die Elemente an die Tagesordnung, ohne dass ein Schüler in Physik schon mal etwas von einem Atommodell gehört hat. Da werden elektromagnetische Felder besprochen, ohne dass je gesagt worden wäre, was die Physik unter dem Modell "Feld" denn versteht - geschweige denn, die Schüler wüssten, was ein Modell überhaupt ist...)

Beobachtbar ist, dass: das, was im Kopf eines Kindes, Schülers, Jugendlichen entsteht, ein genaues Abbild dessen abgibt, was ihm angeboten wurde: zusammengewürfeltes, fragmentarisches Wissen ohne fachübergreifende, komplexe Zusammenhänge, Schülerleistung = Lehrerleistung !

(Solche Zusammenhänge herzustellen, Lücken zu schließen, kann das Elternhaus ohne Zweifel stark unterstützen. Dabei kann es aber nur bei „Unterstützung“ bleiben, denn den Schülern fehlt ein wesentlicher Aspekt: Sie haben  „das Lernen“ nicht gelernt: Wie werden Aufzeichnungen in Merksätzen zusammengefasst, und wie werden die Merksätze farbig markiert, um sich in der Vorbereitung auf die nächste Klassenarbeit auf das wesentliche konzentrieren zu können? Welche Möglichkeiten bietet das Fach-Lehrbuch, Dinge nachlesen zu können? Welche Techniken können angewandt werden, um effizient Vokabeln zu lernen? In welcher Reihenfolge löst man die Aufgaben in einer „schweren“ Mathearbeit? Wie kann man Konzentrationsfähigkeit üben? Usw.,usf.)

Beobachtbar ist, dass: Eltern häufig falsche Prioritäten setzen, weil sie über ihrer Schützlinge nicht ausreichend informiert sind.

(An Elternabenden wird die Schule gefragt, ob neben den Fremdsprachen Englisch, Latein und Französisch denn nicht auch Spanisch oder Griechisch gelehrt werden könne, ohne zu wissen oder zu berücksichtigen, dass der eigene Nachwuchs in Deutsch, Mathe, Physik, Chemie oder Bio mal eben zwischen 5 und 6 steht. Da wird die Schule gefragt, was man denn allgemein zur Drogen-Prävention beigetragen habe, ohne zu wissen oder auch nur zu ahnen, dass der eigene Nachwuchs den letzten Holland-Trip zur Vorbereitung der nächsten Party genutzt hat....)

Beobachtbar ist, dass: ein großer Teil ihrer Fürsorgepflicht (Pausen-Aufsicht, Verfügbarkeit / Ansprechbarkeit vor, während und nach dem Unterricht...) von den Pädagogen offenbar nicht mehr als ihre ureigenste Aufgabe verstanden oder akzeptiert wird.

(Vielleicht sollte man sich nicht jede Pause in’s Lehrerzimmer zurückziehen – Unterrichtsvorbereitungen bleiben ja wenigstens dem vorangegangenen Nachmittag (nicht den letzten 20 Jahren!) vorbehalten – , sondern mit den Schülern mal wieder pro-aktiv in’s Gespräch kommen? Eine Gelegenheit beweisen zu können, dass man Verständnis hat, zuhören kann, an den Problemen der Kinder tatsächlich interessiert ist. Dann weiß man auch, welcher Slang gesprochen wird, wer wie auftritt, wer zu Gewalt oder Abhängigkeit usw. neigt und was Thema ist bei den Kids.)

Beobachtbar ist, dass: in zunehmender Weise verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche sowohl die zum Unterricht unabdingbare Disziplin ihrer Mitschüler als auch deren Lern-Motivation negativ beeinflussen. Cliquen mit den ihnen eigenen Gruppen-Normen führen zu Intrigen zwischen den Schülern, zum Ausschluss Andersdenkender, zu psychischem Druck und zuletzt auch zu Gewalt.

(Wer gegen Schimpfworte, vorlautes Auftreten oder verspieltes Träumen an der Grundschule nichts sagt, braucht sich über Totenkopf-Tshirt, Drogen und mangelhafte Leistungen am Gymnasium nicht mehr zu wundern. Da werden zwar Fremdsprachen ab der 2.Klasse in Erwägung gezogen, aber bis zur 3.Klasse noch mehr Bildchen gemalt als tatsächlich gelernt. In den Klassen 5, 6 oder 7 werden keine vernünftigen fachlichen Grundlagen gelegt, sondern Fragmente aneinandergereiht und wem da die Übersicht verloren geht, wendet sich nun endgültig vom Lernen ab. Was resultiert, sind Frust, Motivationsverlust und damit einhergehend soziale Auffälligkeit. )

 

Wenn man solche Beobachtungen zur Kenntnis nimmt, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Ergebnisse der Pisa-Studie folgerichtig sind und keinerlei Anlass zur Verwunderung bieten. Die sich sofort stellende Frage, was denn da nun zu machen sei, wird allerorten hektisch und nervös, mit viel vordergründigem Aktionismus und sehr oberflächlich zu beantworten versucht. Nachdem man die Kernaussagen der Studie durch unterschiedlichste Interpretationen erfolgreich zerredet hat, sind nunmehr selbst Gegen-Gutachten genau das richtige Mittel, den aufgeschreckten Bürger zu beruhigen und notwendige Schlussfolgerungen – ganz gleich, ob sie nun gezogen werden oder nicht – in ihrer Tragweite zu minimieren. Die oben aufgezählten Beobachtungen machen deutlich, dass sich der Bildungsnotstand in Deutschland als wesentlich dramatischer darstellt, als dies der Öffentlichkeit bewusst werden soll. Auf diese Weise lassen sich symptomatische Begebenheiten, die Eltern in ihrem Umfeld ähnlich den oben aufgezählten sicher auch beobachten können, immer als angeblich bedeutungslose Einzelerscheinungen darstellen und der notwendige Handlungsdruck kann so unterbunden werden.

Derlei Tendenzen nicht nachzugeben, sollen auch die folgenden Fragen dienen:

Frage:

Könnte ein System bestehend aus Gremien von Fachberatern die offenbar dringend erforderliche Kontrolle über das Unterrichts- und Lehr-Geschehen übernehmen?

Frage:

Kann von Lehrern die selbstverständliche Bereitschaft zur Weiterbildung in den Schulferien erwartet werden?

Frage:

Kann landesweit der Übergang von einer  Experimental-Pädagogik hin zu einer systematischen Ausbildung und Erziehung organisiert werden?

Frage:

Hat es Sinn, den Unterricht bindend mit Hilfe tatsächlich aufeinander abgestimmter Lehrpläne durchzuführen?

Frage:

Ist es möglich, die Schulen ausreichend mit von praxiserfahrenen Pädagogen zertifiziertem und untereinander abgestimmtem Unterrichtsmaterial zu versorgen?

Frage:

Sollten zu den vielerorts schon vorhandenen Internet-Anschlüssen in den Schulen IT-Lehrer eingestellt werden, damit nicht nur „unbetreut gesurft“ wird? 

Frage:

Kann man an den Grundschulen das Fach „Lernen“ einführen?

Frage:

Ist es sinnvoll, einen objekt-orientierten Unterricht zu geben, der fach-übergreifende Zusammenhänge vermittelt?

Frage:

Kann Lehrern eine den einschlägigen Rechtsbestimmungen entsprechende Arbeitsdisziplin zugemutet werden?

Frage:

Ist es möglich, die Eltern in regelmäßigem Abstand auch ungefragt über schulische Leistungen, Lern-Bereitschaft und Gesamtverhalten ihrer Kinder durch den Klassenlehrer zu informieren?

Frage:

Kann durch mnd. halbjährliche Elternbesuche der Kontakt zwischen Lehrern und Eltern verbessert werden?

Frage:

Gibt das Schreiben von Klassenarbeiten nach jedem behandelten Unterrichtsgebiet und das generelle Einführen unangekündigter schriftlicher Kurzkontrollen den Schülern eine Möglichkeit, „verpatzte“ Leistungen zu kompensieren und dabei auch noch einzusehen, dass man nicht für eine Klassenarbeit, nicht für die Schule, sondern für’s Leben lernt?

 

Auch wenn es hier wie überall keine Patentrezepte gibt, so verdeutlicht doch die hohe Zahl der vielerorts gestellten Fragen eine Fülle von Ideen, für die man sich wünschen möchte, von den „Experten“ nicht nur müde belächelt, sondern vielleicht auch mal für voll genommen und ernsthaft analysiert zu werden. Anderenfalls beweist dieses Bildungssystem das, was keinem jungen Menschen zu wünschen ist: Sturheit und Arroganz.