Kurze Versuche gegen die alltägliche Lethargie


Was uns bewegt - was wir bewegen können

Fremdwort "Gewaltenteilung" - Wer ist die "IG Farben i.A."? - Sprachhygiene kontra Verdummung - Vom Wert der Anstrengung - Wer emanzipiert sich? - Determinismus oder "Der freie Wille" - Medien und der Faktor "Zeit"; Unter solchen Stichpunkten wird - ohne subjektive politische oder moralische Intensionen zum Maßstab zu erheben - dem Ziel nachgegangen, mit (teilweise provokanten) Thesen Allgemeinplätze des abstrakten Imperativs Tu etwas... konkret zu untersetzen.

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Auszug aus dem Vorwort:

„Der Ehrliche ist der Dumme.“ und „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ - Das sind Aussagen, die in ihren Verdichtungen kaum noch zulassen, den Finger auf wunde Punkte zu legen. Sie suggerieren, man habe hinzunehmen, dass die Welt eben schlecht sei. Was kann der Einzelne schon dagegen tun, dass das Leben straft, man wieder mal der Dumme war? 

So wird Resignation unüberlegt akzeptiert, ohne zu versuchen, die Wand gesellschaftlicher Probleme, vor der viele Menschen ihren Mut in die Zukunft verlieren, zu zerlegen und die Probleme (ohne deren Zusammenhang aus den Augen verlieren zu wollen) im einzelnen zu lösen. Flucht in Religion und Radikalismus, Gleichgültigkeit gegenüber der alltäglichen Abstumpfung, Banalismus und Nostalgie sind nur einige Folgen. 

G.C. Lichtenbergs Gedanke „Was jedermann für ausgemacht hält, verdient am meisten, untersucht zu werden.“ soll Leitfaden dieses Versuches einer Problem-Zerlegung sein. Dabei soll Kritik als Wurzel der Verbesserung verstanden werden. 

Wagen wir gemeinsam einen Exkurs entlang der Grenze zur Nörgelei, nicht meckernd und ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder hohe Ordnungs-Prinzipien. Aber immer einen Finger auf wundem Punkt, in der Hoffnung, dass es ja doch irgendwann irgendjemand zum Nachdenken provoziert - dazu, etwas zu bewegen.


Spiel zum kreativen Schreiben bei Klaus-Dieter Regenbrecht

Dieter Wellershoff: Das Schimmern der Schlangenhaut - Frankfurter Vorlesungen, FFM 1996, Fünfte Vorlesung, Information und Erzählung, Seite 113 ff. Zitat:
In seinem berühmten Essayband Der Gesang der Sirenen aus dem Jahre 1959 umkreist Maurice Blanchot in wechselnden Perspektiven die Ursprungsfragen der Literatur, am radikalsten gegen Ende des Buches, wo er unter dem Titel Der Tod des letzten Schriftstellers sich die Frage stellt, was geschehen würde, wenn eines Tages die Stimme der Literatur für immer verstummte. (...) „Was würde sich daraus ergeben? Doch wohl allem Anschein nach ein tiefes Schweigen. "Das ist die Antwort, die man vom common sense zu erwarten hat. Blanchot verblüfft uns mit der entgegengesetzten These: Wenn das dichterische Wort verstummt, wird nicht Stille herrschen, sondern ein Mangel an Stille und Schweigen. Wehrlos und pausenlos werden wir dann das nichtige Geräusch hören, das die Welt macht. (...) „... ein Reden: das redet und redet ohne Unterlass, es ist so, als redete die Leere mit einem leisen, eindringlichen, gleichgültigen Raunen, das sicher für alle genauso klingt, das ohne Geheimnis ist und doch jeden in sich einschließt, ihn von den anderen, von der Welt und von sich selber abtrennt ..."(...) Erkennbar bezieht sich Blanchot hier auf die daseinsanalytische Beschreibung des „Geredes" und des analogen „Geschreibes" in Heideggers Sinn und Zeit, wo es heißt, das Gerede können weitgehend verstanden werden, „ohne dass sich der Hörende in ein ursprünglich verstehendes Sein zum Worüber bringt. Man versteht nicht so sehr das beredete Seiende, sondern man hört schon nur auf das Geredete als solches. Dieses wird verstanden, das Worüber nur ungefähr, obenhin; man meint dasselbe, weil man das Gesagte gemeinsam in derselben Durchschnittlichkeit versteht.(...) Das Gerede, das jeder aufraffen kann, entbindet nicht nur von der Aufgabe echten Verstehens, sondern bildet eine indifferente Verständlichkeit aus, der nichts mehr verschlossen ist."(...) Blanchot geht es vor allem darum, vor dem imaginierten Hintergrundrauschen eines unaufhörlichen, sich selbst verzehrenden Geredes, die Literatur als Herstellung von Sinn im Schutzraum eines gestalteten, nach außen abgegrenzten Werkes zu beschreiben. „Ein Schriftsteller", so sagte er, „ist ein Mensch, der dieser Rede Schweigen gebietet, und ein literarisches Werk ist für jeden, der einzudringen versteht, ein ergiebiges Weilen in einer Stille, eine feste Schutzwehr und eine hohe Mauer gegen diese redende Unermesslichkeit, die auf uns einredet und uns dabei uns selbst abwendig macht."

Aufgabe ist, einen Text zu verfassen (Genre freigestellt; es könnte also auch ein Gedicht sein), der sich mit einem oder beiden Themen beschäftigt. Maximal 700 Worte, sollte es sich um den Anfang eines längeren Textes handeln, kann der Fortgang skizziert werden.

Christins Besuch

Nein, nein, ich fahre nicht zu ihr. Sie fand es wohl spannend, sich selbst auf einen Weg in die Zukunft zu machen, der für mich viel mehr ein Weg in die Vergangenheit werden würde. Viertel fünf  könne sie da sein, hatte sie mich gestern noch per Computer-Botschaft  wissen lassen, aber nun, dreißig Minuten über die Zeit, schleichen sich doch leise Zweifel in meine Anspannung. Alle wohl durchdachten Gesprächskonzepte sind in scheinbar nicht mehr zusammensetzbare Fragmente zerronnen, am Fenster erspähe ich gegenüber ein gelbes Fahrrad mit schwarzem Horn und zucke doch zusammen, als die Klingel mich unvermittelt in die Realität zurück befördert. Um mein Erwarten zu vertuschen, gehe ich betont gemächlich zur Tür und da steht sie nun: schlank, wenn nicht gar dünn, modisch gekleidet und grinst mich durch ihre tief ins bunt gefärbte Gesicht hängende rot-braune Frisur frech an. „Hi, Dad! Ich bin’s!“ „Willkommen, mein Kind!“, versuche ich, dem seit 15 Jahren ersehnten Augenblick höhere Bedeutung beizumessen und der offenbar drohenden Oberflächlichkeit zu entgehen, „Komm ’rein!“ Selbstbewusst wirft sie den Kopf in den Nacken und ich könnte mich ohrfeigen. Natürlich ist sie nicht mehr das Kind, das sie war, als ihre Mutter sich damals von mir trennte. Nach einigem unbeholfenen Herumnesteln mit der linken Schuhspitze an ihrem rechten Fuß entlaste ich sie mit der Bemerkung: „Die kannst Du anlassen.“ Natürlich fühlt man sich in den eigenen vier Wänden psychologisch sicherer, aber in fremden Gefilden Neues zu entdecken, spricht für die Unbefangenheit der jungen Generation. Und schon steht sie so auf unbekanntem Parkett, schaut auf ihre riesengroße und kaum mädchenhafte Armbanduhr: „Viertel vor fünf – super!“ Pünktlichkeit ist die Tugend der Könige, schoss mir gerade noch durch den Kopf, als ich mich, ohne einen ansonsten klaren Gedanken fassen zu können, sprechen höre: „Schön, dass wir uns endlich wieder kennen lernen!“ Sie drückt mich kurz rechts und links, wie ich es von Honecker und Gorbatschow noch kenne und schaut sich neugierig um: „Coole Bude, hier!“ „Naja.“, versuche ich Bescheidenheit zu spielen und den Stolz auf das im Leben bisher Erreichte zu unterdrücken. „Hast Du gut hergefunden? Kann ich Dir etwas zu trinken anbieten?“ Mist, wieder zwei Fragen auf einmal. „Klar, Mann, hast Du Coke?“ Ach, sie meint Brause oder Cola. Ich wende mich Richtung Küche und vernehme hinter der geöffneten Kühlschranktür den befürchteten Frontalangriff: „So, jetzt komm’ mal ’rum: wieso hast Du mich eigentlich 15 Jahre hängen lassen?“ Wortlos stelle ich ihr mit hängenden Schultern ein Glas kalten Tees an denjenigen Platz des Wohnzimmertisches, auf dessen Stuhl sie sich mit zurück gelehntem Oberkörper in eine herausfordernde Sitzposition manövriert hat. Ich setze mich ihr gegenüber, schaue sie verletzt und nachdenklich an und dann bricht es aus mir heraus, als gelte es, jeden einzelnen für mich verlorenen Tag ihrer Jugend im Nachhinein mit Leben zu erfüllen. Dass ich mein Studium nicht beendete, weil ich als für den Lehrerberuf charakterlich ungeeignet eingestuft wurde, erzähle ich. Und wie mir später ihre Mutter als Partnerin und IM-Aufpasserin an die Seite gestellt wurde, ohne dass ich dies überhaupt realisierte. Dass sich ihre Mutter später gegen die Praktizierung eines Umgangsrechts sträubte, erzähle ich. Und warum ich die Jahre danach durch Verzicht auf Vateregoismen versucht hatte, ihr, Christin, ein möglichst konfliktfreies Heranwachsen in einem konsistenten familiären Umfeld zu ermöglichen. „Das geht schon in Ordnung, mit dem Charakter und dem Lehrer – warst ja auch als Vater Scheiße!“

Nun hör mir doch zu, mein Kind...

Ihr Teeglas ist noch nicht ganz leer, völlig überraschend steht sie auf: „Vergiss mich, Vater!“ und winkt mit jeweils zusammen gehaltenem Zeigefinger und Mittelfinger beider Hände in unterschiedlicher Höhe, so, als wolle sie das letzte Wort in Anführungszeichen setzen. „Naja, ich muss dann,“ und fügt triumphierend hinzu: „vorn an der Straße warten mein Mann und mein Kind.“

Ach so? Aber warum seid ihr nicht...?

„Hättest mich ja auch mal umarmen können – statt dem Gerede von früher ... Mama hört mir wenigstens zu!“

Polternd zieht sie die Wohnungstür hinter sich ins Schloss, das Klacken ihrer Schuhabsätze auf den Treppenstufen wird rasch leiser und dann höre ich noch, wie sich die Haustür schließt. Mir steigen vor lauter Ohnmacht die Tränen in die Augen und der riesige Kloß in meinem Hals veranlasst mich, der Wohnzimmervitrine den noch unangetasteten irischen Whisky zu entnehmen.

Eigentlich hätte sie sagen müssen: ‚Mutti hört mir wenigstens zu...’, denke ich. Aber was heißt schon „Zuhören“: Damals musste man mit jedem Wort vorsichtig sein, weil grundsätzlich „zugehört“ wurde. Heute kann jeder alles sagen, weil sowieso keiner mehr zuhört. Was – um alles in der Welt – steckt hinter diesem Wandel? Traurigkeit macht sich breit, meine Tochter jedenfalls scheine ich das zweite Mal verloren zu haben. Wie in einem Film läuft Christins Besuch noch einmal vor meinem inneren Auge ab: Eine halbe Stunde zu spät kommen und das auch noch cool finden – „Viertel Fünf“ und „Viertel vor Fünf“ ist eben doch ein Unterschied. Vielleicht war sie mit dem Tee nicht zufrieden, sie hatte ja Coke gewollt? Ihre oberflächliche Verbrüderungsumarmung zu Beginn war mir sowieso etwas unangenehm gewesen, aber offenbar „macht man das so“. Mit den gleichen Worten übrigens bin auch ich schon als Kind an vermeintliche gesellschaftliche Regeln gewöhnt worden, die der jeweils Belehrende nicht näher zu begründen vermochte. Aber wer ist für die Generation „Praktikum“ denn der Belehrende? Mal abgesehen von zu hohen persönlichen Erwartungshaltungen, die Christin offenbar genau so außer acht gelassen hat wie ich, scheint es ein Kommunikationsproblem gewesen zu sein. Unterschiedlich denkende Menschen können sich einer gemeinsamen Sprache nur bedienen, wenn sie einheitliche axiomatische Grunddefinitionen nicht nur notwendigerweise besitzen, sondern auch hinreichenderweise benutzen. Egal, ob „Mama“ oder „Mutti“ Anzeichen von in verschiedenen Sozialisierungen entstandener Sprachen sind, egal, ob man als Angehöriger oder Fremder vernommen wird, egal, welcher Generation man sich oder andere zurechnet, das Gerede von früher transportiert für den damit bestraften Zuhörer nicht zwingend einen mit Mehrwert verbundenen Inhalt. Es wäre aktives Zuhören wohl besser geeignet gewesen, zwischen Christin und mir zunächst mal eine emotionale Verbindung wieder aufzubauen, die nicht vordergründig von Erinnerung auf der einen oder Neugier auf der anderen Seite, sondern von sich selbst genügender Wärme hätte geprägt sein können. Oder lag mein klägliches Scheitern einfach nur in meiner missverstandenen Körpersprache begründet? Habe ich so ungewollt Botschaften gesendet, die beim Anderen in der völlig falschen Schublade landen?

Die Menschen sind laut und frech und ihr Geschwätz dringt manchmal nur wie durch einen Nebel an mein Ohr. Erhebe ich aber meine Stimme, laufe ich dann nicht Gefahr einer von ihnen zu sein?